Im deutschen Fernsehen undenkbar: Im ORF wird bezüglich der Rente über “Die Mythen der ‘Vergreisung’” berichtet
14 12 2007Unsere österreichischen Nachbarn haben mit vielen ähnlichen Problemen zu kämpfen wie wir in Deutschland - auch dort treibt der Neoliberalismus sein finsteres Unwesen und droht, wichtige soziale und gesellschaftliche Errungenschaften nachhaltig zu zerstören. Anders als in Deutschland wurden die Bürger Österreichs aber bisher von einem wesentlichen Grundübel verschont: dem Privatfernsehen.
Nun durfte sich im öffentlich-rechtlichen Sender ORF ein Fachmann, Volkswirt Prof.Dr. Gunther Tichy, zu Wort melden und endlich einmal Fakten bezüglich der nicht nur in Deutschland immer wieder gebetsmühlenartig wiederholten angeblichen Überalterung der Gesellschaft und der daraus folgenden “zwingend notwendigen Reformen” (Privatisierung der Rente) publizieren.
Ein Auszug:
“Pensionsvorsorge: Die Mythen der ‘Vergreisung’ / Politik und private Pensionsversicherungen pfeifen es von den Dächern: Da die Menschen immer länger leben, werde die öffentliche Altersversorgung langsam unfinanzierbar. Weniger Pension, längere Arbeitszeiten und mehr private Vorsorge seien die Konsequenz. Stimmt nicht, meint der Volkswirt Gunther Tichy von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. (…) Verunsicherung und Angst wachsen, beruhen allerdings nicht auf kühler Analyse, sondern auf sorgsam tradierten Mythen, dem demografischen Belastungsmythos, dem Vergreisungsmythos und dem Unfinanzierbarkeitsmythos. / Keiner von diesen drei kann einer sorgsamen wissenschaftlichen Überprüfung standhalten.”
Und weiter:
“Der demografische Belastungsmythos besagt, dass die Zahl der ‘Alten’ zunehmen, die der ‘Jungen’ hingegen abnehmen würde. Das ist richtig: Derzeit kommen vier ‘Junge’ auf einen ‘Alten’, 2050 werden es nur noch zwei sein, die Belastung verdoppelt sich scheinbar. / Tatsächlich sagt diese Zahl, die so genannte demografische Belastungsquote, gar nichts über Belastung und Finanzierbarkeit der Pensionen aus. Denn es geht bei diesen Fragen nicht um ‘jung’ oder ‘alt’; denn: Erhalten werden alle Nicht-Arbeitenden, ob jung oder alt, von den Arbeitenden. / Erhalten müssen aber nicht bloß die ‘Alten’ werden, sondern auch die Arbeitslosen, die Frühpensionisten und die Kinder, und keineswegs alle ‘Jungen’ arbeiten. Tatsächlich müssen schon derzeit 4,04 Mio. Arbeitende 4,06 Mio. Nicht-Arbeitende erhalten, die Belastungsquote beträgt also schon jetzt 101 Prozent, und sie wird bis 2050 auf etwa 110 Prozent steigen; die Belastung wird sich also keineswegs verdoppeln, sondern bloß um etwa ein Zehntel zunehmen.”
Auch wenn Herr Tichy aus seiner richtigen Analyse und Klarstellung einige falsche Schlüsse zieht, sprechen die Zahlen und die Logik der Argumente doch für sich. Angesichts der Kritiklosigkeit und neoliberalen Hörigkeit der deutschen Massenmedien ist eine solche informative und wichtige Bürgeraufklärung im deutschen Fernsehen in der heutigen Zeit schlicht undenkbar. Dort bekommen wir statt dessen “Experten” präsentiert, die über die “Notwendigkeit einer privaten Rentenvorsorge” schwadronieren, ohne dass der Zuschauer darüber informiert wird, dass jene “Experten” auf den Gehaltslisten von Versicherungskonzernen und/oder deren Lobby-Vereinen stehen (Rürup und Raffelhüschen seien nur beispielhaft für eine ganze Riege solcher “Experten” genannt).
Und manchmal machen in Deutschland sogar Moderatoren wie z.B. Reinhold Beckmann, Harald Schmidt oder Johannes B. Kerner Werbung für Versicherungen - nicht nur in den Werbeblöcken, sondern auch versteckt oder gar als Information getarnt in ihren jeweiligen Sendungen.
Der Propagandafeldzug der Wirtschaft hat gerade erst begonnen.