Oder: Bertelsmann ante portas!
Seit einigen Jahren muss die so genannte “PISA-Studie” immer wieder in deutschen Massenmedien als Beweis dafür herhalten, dass Bildung in diesem Land ein völlig vernachlässigtes Gut sei und dass eine “Bildungsarmut”, ja fast schon ein “Bildungsnotstand” herrsche. Unreflektiert werden in den Nachrichten die ermittelten “Rankings” verbreitet, nach denen Deutschlands Schüler meistens hintere, bestenfalls mittlere und neuerdings sogar Plätze oberhalb des Durchschnitts belegen. Ein aktuelles Beispiel aus den “tagesthemen” (ARD) vom 4.12.07:
“Sechs Jahre nach dem Pisa-Schock [sic!] haben deutsche Schüler bei der jüngsten Bildungsstudie der OECD einen Rang oberhalb des Durchschnitts erreicht. In der Pisa-Studie 2006 belegt die Bundesrepublik Platz acht unter den 30 untersuchten Staaten. Dennoch sehen die OECD-Bildungsforscher wenig Verbesserungen, denn beim wichtigen Leseverständnis sowie in der Mathematik gebe es kaum messbare Fortschritte.”
Doch was genau steckt eigentlich dahinter? Wer erhebt diese Daten? Wie werden sie erhoben? Was genau wird abgefragt? Warum geschieht das und in wessen Auftrag? Und vor allem: Wie aussagekräftig sind derartige Erhebungen und “Rankings” in Bezug auf das Thema Bildung wirklich?
Eine gute erste Einführung in diesen Fragenkomplex bietet der Artikel “Die ‘PISA-Studie’: Was sich dahinter verbirgt” von Jens Wernicke, erschienen bei Studis online. Wer mehr wissen möchte, sollte das Buch des Wuppertaler Universitätsprofessors Jochen Krautz: “Ware Bildung. Schule und Universität unter dem Diktat der Ökonomie” (Diederichs Verlag, Kreuzlingen/München 2007) lesen. Eine erste Einführung in die Themen dieses Buches, verfasst von Wolfgang Lieb, können Sie auf den NachDenkSeiten nachlesen. Dort heißt es unter anderem:
“Krautz kritisiert zu Recht, dass mit Pisa vorbei an der Fachöffentlichkeit und an den Bürgern in Deutschland ein neuer Bildungsbegriff eingeführt wurde. Die OECD habe sich mit ihrer Pisa-Studie angemaßt, einen eigenen Bildungsbegriff zu definieren und als normative Setzung den nationalen Bildungssystemen überzustülpen. Die Wirtschaftsorganisation habe so die nationalen Curricula unterlaufen und an nationalen Bildungsvorstellungen und –traditionen vorbei Bildung als ‘funktionales Anwendungswissen’ definiert. / Pisa habe ‘Basiskompetenzen’ von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich getestet. Von Bildung sei in diesem Test gar nicht die Rede. Die Art von Wissen, die Pisa abfrage, ziele auf rein zweckorientiertes Denken und ökonomische Verwertbarkeit von funktionalem Wissen.”
Wir lernen also: Mit PISA wird ermittelt, wie “neoliberal” Bildungssysteme und ihre Absolventen sind. Ist es da nicht geradezu eine Auszeichnung, nur Mittelmaß oder sogar schlechter zu sein?
Doch in den “tagesthemen” oder vergleichbaren Propaganda- Nachrichtensendungen werden wir davon sicherlich auch in Zukunft nichts hören. Wolfgang Lieb fasst das erwähnte Buch von Krautz zusammen:
“Mit Pisa sei vor allem eines erreicht worden: das Bildungswesen sei ’sturmreif geschossen worden’. Die schlechten deutschen Testergebnisse hätten ‘Schulen und Hochschulen äußerlich und vor allem innerlich bereit zur feindlichen Übernahme gemacht.’ / Die Verunsicherung habe das Bildungswesen widerstandslos gegen die nun einsetzenden Rezepte von Radikal-Reformern gemacht. ‘Bertelsmann ante portas!’ müsse deshalb der Warnruf lauten. Die Radikal-Reformer würden all die Schwächen des Bildungswesens (die es zweifellos gibt) sehr genau kennen. Sie setzten an den existierenden Problemen an und verstünden dank entsprechender PR, ihre falschen Lösungen als richtige Antworten auf die realen Probleme zu verkaufen. / Man habe in letzter Zeit den Eindruck, dass private Lobby-Gruppen wie die Bertelsmann Stiftung oder Wirtschaftsverbände die besseren Schulministerien seien.”